Bei einer Geburt wandert unter größten Schmerzen ein komplettes Menschenkind aus euch heraus und im schlimmsten Fall erleidet ihr durch schlechte Bedingungen im Krankenhaus auch noch ein Trauma? Beim Konzept der sanften Geburt soll alles besser laufen. 

Auch ohne Hebammenmangel, die heiß diskutierten Kaiserschnittraten und Reportagen über dramatische Szenen im Kreißsaal im Hinterkopf, die von ungewollten Eingriffen und extrem verletzenden Kommentaren durch Fachkräfte handeln, kann man vor einer Geburt so richtig Angst haben. Es passiert schließlich nicht alle Tage, dass sich der Muttermund während des kompletten Geburtsvorgangs zehn – ZEHN! – Zentimeter öffnet. Ihr werdet ein Baby durch eure Vagina in die Welt pressen – oder es wird vielleicht operativ durch einen Kaiserschnitt geholt werden müssen. Das ist einfach irre. Der! Totale! Wahnsinn! Wie kann eine Geburt bei all dem Blut, Schleim und Schmerz bitte „schonend“ ablaufen, wie der Begriff der „sanften Geburt“ suggeriert? Gibt es bei dem Konzept irgendwelche legalen Drogen, die das Gebären zum puffy, fluffy Kuscheltrip machen?

Bei einer sanften Geburt seid ihr die Chefin!

Wer von dem Konzept bislang noch nichts gehört hat, dem sei gesagt: Es geht dabei nicht darum, den Geburtsprozess mit ein bisschen (Selbst-)Hypnose, einer Prise Meditation oder regelmäßigen Akupunkturterminen zwischen Friseurbesuch und Pediküre (wogegen insgesamt natürlich nichts einzuwenden ist!) in einen Spaziergang über rosa Wolken zu verwandeln – das ist unmöglich. Abgesehen davon, dass eine Geburt und damit auch der Geburtsschmerz komplett individuell empfunden wird, ist sie für jede Frau, jede Superheldin verdammt noch mal harte körperliche Arbeit! Und natürlich auch psychisch eine echt aufwühlende Herausforderung. Bei einer sanften Geburt soll die so selbstbestimmt wie möglich in Angriff genommen werden. Bedeutet: Ihr seid die Chefin! Ihr bestimmt, wo’s lang geht! Welche Position ihr während der Geburt einnehmen wollt, wer mit im Zimmer ist und ob der Partner oder die Partnerin mit ins Wasser des Geburtsbeckens soll: Das ist alles allein eure Sache! Wenn ihr schreit (und ihr werdet vermutlich viel schreien), sollten die anderen spuren. Zumindest, solange gewährleistet ist, dass weder ihr, noch euer Kind zu Schaden kommt. Ziel ist, dass der Geburtsprozess interventionsfrei abläuft, dass ihr euch in jeder Situation so wohl wie möglich fühlt und euch von niemandem bevormundend behandeln lasst. Kurz: Die Geburt soll sowohl für euch als auch für euer Kind so wenig traumatisch wie möglich ablaufen. Klingt gar nicht so verkehrt, oder? Ist es auch nicht – wenn Verfechterinnen der sanften Geburt keinen Tunnelblick bekommen und das Konzept um jeden Preis umsetzen wollen.

Und wenn’s nicht klappt mit der sanften Geburt?

Denn so fest wir uns auch vornehmen, sanft und natürlich zu entbinden, keine PDA zu wollen, das Baby wie eine kämpferische Amazone unbedingt im Wasser – und zwar zu Hause in vertrauter Umgebung – zu gebären: Im letzten Moment kann uns so viel Selbstbestimmtheit doch Angst machen. Unsere oder die Krankengeschichte des Babys kann ein Grund dafür sein, doch lieber ins Krankenhaus gehen zu wollen und etwas Verantwortung zum Wohle aller abzugeben. Es könnte sein, dass am Ende der Schwangerschaft ein Kaiserschnitt steht, den wir uns nicht gewünscht haben. Vielleicht auch, weil wir einfach nicht mehr konnten, mit unseren Kräften am Ende waren und gegenüber der Ärzt*innen keinen Widerstand leisten wollten. Leute, die in solchen Fällen wenig einfühlsam auf das Konzept der sanften Geburt pochen und am besten auch noch fragen „Hättest du nicht noch etwas länger durchhalten, besser für dich einstehen, mehr kämpfen können?“, hat einfach mal nix verstanden. Jede Frau, die ein Kind zur Welt bringt, ist eine Kriegerin. Welchen Weg sie dafür gewählt hat? Ihr Ding. Punkt.