Fast alle Eltern wollen schon während der Schwangerschaft wissen, welches Geschlecht ihr Kind hat. Aber warum eigentlich?

Die Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft fühlen sich oft magisch an: Beim ersten Check zur Feststellung einer intakten Schwangerschaft können die Ärzt*innen ab ca. der 6./7. Schwangerschaftswoche den Herzschlag auf dem Screen erkennen. Beim zweiten großen Ultraschall (ca. ab der 19. SSW) ist dann auch das Geschlecht des Babys erkennbar. Okay, okay: Es gibt Ausnahmen. Manche Kinder geben sich im Mutterleib zurückhaltend. Sie lassen sich nicht einfach so auf ihr Geschlechtsteil schauen, schon gar nicht von Fremden. Stattdessen bewahren sie ihr Geheimnis hartnäckig, ein kleiner Teil von ihnen sogar bis zur Geburt. Manchmal passiert es auch, dass das Geschlecht im Vorfeld falsch bestimmt wurde. Im Kreißsaal begrüßen die Eltern dann plötzlich einen Mia oder eine Daniel – ups! Aber warum ist es für uns überhaupt wichtig, ob das Baby im Bauch ein Mädchen oder ein Junge ist? Doch nicht nur, damit wir uns auf einen Namen festlegen können, der nach der Geburt immer noch passt. Oder?!

ER gibt in der Gebärmutter den Rabauken, SIE die sanfte Seele? Na ja …

Tatsache ist: 80 Prozent aller Eltern wollen schon lange vor dem ersten großen Hallo wissen, welches Geschlecht der Nachwuchs hat. Viele meinen, sich dann besser darauf einstellen zu können, welchen Charakter ihr Kind einmal haben wird. Auf dem Ultraschallbild sieht es nach einem Jungen aus? Na, dann passt es ja, dass ER im Bauch auf Karate Kid macht! Das Baby klopft nur hin und wieder ganz sachte an? Typisch! SIE ist eben ein Mädchen und wird bestimmt mal genauso sanft wie wir. Wenn wir das Geschlecht kennen und uns vorstellen, wie unser Baby einmal aussehen oder wie es sich verhalten wird, kann es sein, dass wir auf Rollenklischees zurückgreifen. Das sollten wir uns bewusst machen. Nichtsdestotrotz können uns solche Einordnungen dabei helfen, in unserem Kopf ein konkreteres Bild von der Zukunft zu zeichnen. Gleichzeitig schaffen unsere Träume und Ideen eine emotionale Verbindung zu den kleinen Wesen in unseren Bäuchen. Der Einstieg in eine glückliche Beziehung zueinander wird dadurch erleichtert – selbst dann, wenn sich die eigenen Vorstellungen am Ende gar nicht oder nur zu einem kleinen Teil mit der Realität decken.

Völlig baff sind wir am Ende so oder so!

Zu Beginn der pränatalen Diagnostik Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre gab es Kritik, unsere Fantasie würde eingeschränkt werden, wenn wir vor der Geburt schon so viel über unser Baby wüssten. Keine Panik: Heute gilt diese Annahme als überholt! Selbst wenn uns das Geschlecht bekannt ist, bleibt immer noch genug Raum für eigene, ganz persönliche Vorstellungen. Mit dem Wissen um das Geschlecht im Hinterkopf denken wir vielleicht, uns aktiv und besser auf den Menschen, den wir noch gar nicht kennen, einstellen zu können. Wir könnten das Gefühl bekommen, mehr Kontrolle zu haben. Am Ende werden wir trotzdem überwältigt sein – ob wir das Geschlecht unseres Babys nun vorher wussten oder nicht, ob es sich bewahrheitet hat oder wir am Ende doch noch komplett überrascht wurden. Ein Kind in unserer Mitte zu haben, plötzlich zu dritt, viert, fünft usw. zu sein und sich als Familie neu einzupendeln, ist jedes Mal wieder eine Challenge. Auf die können wir uns so gut es uns möglich ist, einstellen. Aber wirklich emotional vorbereiten? Keine Chance! Deshalb ist es für manche vielleicht einen Versuch wert, alles – auch das Geschlecht – auf sich zukommen zu lassen. Einfach mal loszulassen. Spätestens, wenn wir unserem Baby das erste Mal in die Augen schauen, ist die Antwort auf die Frage „Mädchen oder Junge?“ doch total egal …